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Der Porsche 9ff 9f-T6: 372km/h anlässlich Continental Reifenvorstellung
 

Nardo (Süd-Italien) Hochgeschwindigkeitsoval

CONTINENTAL Reifenvorstellung
Conti Sport Contact 2 Vmax

02.05.2004

Fahrzeug : 9ff 9F-T6 743 PS

GPS 372,1 km/h 233mph

 

 

 

9ff präsentierte den mit 372,2 Km/h schnellsten je gemessenen Porsche mit Strassenzulassung. - Und versetzte damit sowohl Konkurrenz als auch die internationale Presse in ehrfürchtiges Erstaunen.

Im süditalienischen Nardo präsentierte Continental ihren neuen Hochgeschwindigkeitsreifen. Acht Tuner wurden hierzu  eingeladen, um der versammelten Weltpresse den neuen Superpneu im Härte-Test zu zeigen. Die Tuner folgten dem Ruf und brachten ihre stärksten Boliden mit, um – im freundschaftlichen Sinne - gegeneinander anzutreten.

Wer bis anhin in seinen Broschüren mit Fantasie-Leistungswerten angegeben hat, musste spätestens jetzt Flagge zeigen. Der Porsche von TechArt galt als heimlicher Favorit – bis ein unscheinbarer Turbo aus Dortmund bei seinen Konkurrenten lange Gesichter hinterliess.

Das atemberaubende Ergebnis der Geschwindigkeitsmessung mit GPS lautete 372,2 Km/h – eine absolute Rekordleistung! Die Funktionäre von Continental wurden etwas nervös – war ihr Reifen doch „nur“ bis 360 Km/h freigegeben. Beruhigend wirkte, dass der Porsche Turbo von 9ff ausschliesslich für Nardo mit einem extra langen sechsten Gang ausgerüstet worden war, um diese Geschwindigkeit überhaupt erreichen zu können.

Langer 6. Gang
In der Porsche Szene bereits ein Begriff, geriet
9ff plötzlich in den Fokus der Weltpresse. Wie war es möglich, dass ein kleiner David die grossen Goliaths derart vorführte? Jan Fatthauer, Geschäftsführer der 9ff Fahrzeugtechnik GmbH und ehemaliger Mitarbeiter von Ruf und Brabus, weiht uns in einige seiner Geheimnisse ein: „Die auf dem Markt erhältlichen Getriebe reichten lediglich für eine maximale Geschwindigkeit von 351 Km/h. Um eine höhere Geschwindigkeit erreichen zu können, haben wir speziell nur für diesen Anlass ein Getriebe mit einem extra langen sechsten Gang entwickelt. Ich berechnete, dass mit dieser Achse und diesem Radumfang das Auto bei 7000 Umin. 373 Km/h schnell sein müsste.“

Im Alltag ist dieser lange sechste Gang absolut unnütz, da Tempi über 350 Km/h selbst auf Deutschen Autobahnen wohl nie ausgefahren werden können. Nicht etwa wegen der Gefahr am eigenen Fahrzeug: Andere Verkehrsteilnehmer unterschätzen die Geschwindigkeit des rasch herannahenden Autos und blockieren die Spuren.


Continental Werbesport zum Hochgeschwindigkeitstest.  *folgt*

WMV Format, 21.9MB (Link)


Kunde war König

Basis dieser Gewehrkugel auf Rädern ist ein Porsche Turbo. Ein guter Kunde von
9ff hat das Fahrzeug auf 702 PS umbauen lassen. Als er es abholen sollte, wollte er wissen, was man denn noch so machen könne. Also wurde der Motor wieder ausgebaut und vollständig zerlegt. Als erstes mussten grössere Turbolader her. Diese wurden bei KKK als Einzelanfertigung bestellt. Dazu gehörte eine grosse Luftzuführung, eine grössere Drosselklappe und ein grösseres Luftverteilerrohr (Verbindung zwischen Ladeluftkühler und Drosselklappe). Grössere Turbolader einzubauen bringt aber andere Probleme. Das Turboloch wird immer grösser, das heisst die Turbinen, die von der Abgasströmung angetrieben werden, setzen erst bei höheren Drehzahlen ein. Ausserdem ist der Platz im Motorraum eines 911ers sehr begrenzt. Irgendwann ist Ende mit noch grösseren und dickeren Rohren.

„Die Besonderheit an unserem Motor ist, dass im ganzen Bereich von 4500 Umin bis 7100 Umin über 600 PS anliegen. Im unteren Drehbereich fährt sich das Auto wie ein Sauger. Im fünften Gang steht fast der gleiche Schub wie im dritten zur Verfügung. Über 300 Km/h beträgt die Beschleunigung noch immer um die 0,4 G.“

Eine der technischen Knacknüsse war die Benzinversorgung. Ein derart hochgezüchteter Motor braucht auch eine bessere Benzinversorgung. Die Serien-Einspritzdüsen sind dafür zu klein. Doch zu grosse Düsen bringen andere Probleme: der Motor läuft im unteren Drehzahlbereich zu fett. Das heisst, er ruckelt oder stirbt im Leerlauf ab. „Unsere Lösung heisst zwei Benzinpumpen“, erläutert Fatthauer. „Die zweite Pumpe schaltet sich erst bei einer Drehzahl von 6000 Umin. zu. Das bedingt aber eine Anpassung der Elektronik.“

Ohne Testlauf
Das Getriebe musste – speziell für
Nardo – noch in einem anderen Bereich als der Übersetzung modifiziert werden: „Da wir in Nardo immer unter Volllast fahren würden, mussten wir eine Getriebekühlung entwickeln und einbauen. Unsere Messungen zeigten in Nardo trotzdem noch eine Getriebeöl-Temperatur von 100 Grad.“ Um die Verlustleistung zu reduzieren wurde ausserdem aus dem Allradler ein Hecktriebler gemacht.

Für die richtige Aerodynamik sorgen ein original GT2 Frontspoiler, kleine
9ff Carbon-Spiegel, Flaps an den hinteren Kotflügeln und eine veränderte Achseinstellung: hinten ist der 911er um 20mm höher.

Weil der Porsche von
9ff in letzter Minute fertig wurde, konnte er erst in Nardo getestet werden. „Das Fahren mit derart hohen Geschwindigkeiten macht nicht unbedingt Angst. Gedanken macht man sich aber im Vorfeld: Habe ich alles richtig zusammen gesetzt? Habe ich kein kleines, aber wichtiges Einzelteil vergessen? Denn hier kann ein kleines Stück Metall über Leben und Tod entscheiden.“

Entwicklungsarbeit
Nun, Fatthauer hatte während den drei Monaten Arbeit alles richtig gemacht. Er hatte bewiesen, dass er aus einem nicht mehr ganz taufrischen 911er Turbo das schnellste Strassenauto der Welt machen kann.
9ff tunt auch normale Carrera und Boxster. Hier liegen die Limits aber anders: „Der Motorblock des GT2, GT3 und Turbo basiert auf einem alten Porsche-Block, der nahe am 959 oder GT1 liegt. Die Carrera- und Boxster-Blöcke sind jedoch Neuentwicklungen, die nicht mehr so viel aushalten.“ Trotzdem gibt’s für einen Boxster S bei Fatthauer eine Trimmung auf 350 PS. Bereits gebaut hat er einen Cayenne mit 610 PS. 720 PS werden angeboten, wurden aber bisher noch nicht bestellt. „Mit der Entwicklung ist es so eine Sache: an und für sich kostet sie einen Tuner gar nicht so viel, denn er macht sich im Vorfeld genug Gedanken über das wie und was. Auto-Hersteller hingegen mit ihren fast unbegrenzten Mitteln können einen Block nach dem andern verschleissen – erst diese Materialschlacht treibt die Kosten in die Höhe. Kleine Spezialisten wie wir hingegen sind auf Kunden angewiesen, die selber Pioniergeist mitbringen und bereit sind, an der Entwicklung mitzuhelfen. Ihre Fahrzeuge sind die ersten, an denen neue Technologien zur Anwendung kommen. Dafür bezahlen sie auch nur einen Teil der tatsächlichen Kosten.“

Raketenstart
Eine Fahrt im
9ff gerät nicht so schnell in Vergessenheit. Ein Druck aufs Gaspedal und der Biturbo geht brachial ab. Der nicht enden wollende Schub treibt den Porsche in wenigen Sekunden und locker über die 200 Km/h Marke. Ab 250 Km/h wird es langsam ungemütlich. Das liegt an den rasend schnell vorbeiflitzenden, überholten Fahrzeugen. Unabdingbar ist weites Vorausschauen: Was am Horizont geschieht, kann sich in wenigen Sekunden unmittelbar vor der Stossstange befinden. So geschehen bei Tempo 270, als sich weit entfernt ein Corsa gemütlich auf die dritte Spur schob. Trotz Vollbremsung mit der Achtkolben-Festsattelbremse (vorne) und einem hart riegelnden ABS wurde es eng. Ohne Nerven und Rennerfahrung sollten die Finger von diesem Rennauto gelassen werden.

Jan Fatthauer ist wunschlos glücklich: "Die Power hat gestimmt. Trotzdem hatte die Fahrt Ähnlichkeit mit einem Ritt auf der Rasierklinge. Durch die hohen Außentemperaturen ist der Motor thermisch an seine Grenzen gestoßen. Die Maschine stand ständig kurz davor, Leistungsabfall zu haben. Zudem hat das Auto bei jeder Unebenheit auf der Piste heftig versetzt." Die Pneus steckten Fatthauers Extremfahrt übrigens problemlos weg.


Die Turbolader drehen bis zu 150’000 Mal pro Minute. In Nardo sorgt die Boost Cooler Wasser-Berieselungsanlage für optimierte Kühlung.

Im Innenraum: Getriebeöltemperatur-Anzeige und der  Aktivierungschalter für den Boost Cooler
 
Technische Daten

Motor: 3,6 Liter 6-Zylinder-Boxer, Biturbo, 24V, Boost Cooler WAES
Leistung:  743 PS/546 kW
Max. Drehmoment:  843 Nm bei 6000 Umin.
Räder:  225/40 ZR 18 auf 9 x 18 Zoll (vorne), 295/30 ZR 18 auf 11 x 18 Zoll (hinten)
Abgasnorm:  Euro 4   EU-Verbrauch (l/100km)  18,5

Fahrleistung: 0-100 Km/h in 3,7 Sekunden, 0-200 Km/h in 8,6 Sekunden, 0-300 Km/h 20,4 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 372,2 Km/h
 

 


 

Text und Teile der Fotos: Henrik Petro
SwissTuner